2. Sonntag im Jahreskreis - 15. Januar 20121 Sam 3, 3b-10.19; Joh 1, 35-42Am letzten Sonntag, dem Fest der Taufe Jesu, habe ich darauf hingewiesen, dass es auch da, wie am Dreikönigstag, um Epiphanie, um Erscheinung des Herrn geht. Gott zeigt sich, habe ich gesagt, er zeigt sich in Jesus. Beim Lesen der heutigen Schrifttexte ist mir dieser Begriff Epiphanie wieder in den Sinn gekommen. Er scheint mich nicht loszulassen. Auch diese beiden Geschichten, die wir gerade gehört haben, sind Erscheinungsgeschichten. Ganz klar ist dies bei der Erzählung über den jungen Samuel. Gott erscheint: nicht sichtbar, aber hörbar. Er ruft. Deutlich wird auch, dass dieser Ruf zunächst einmal nicht als Ruf Gottes erkannt wird. Samuel braucht den Hinweis des erfahrenen Eli. Von ihm selbst wird nichts anderes erwartet, als zu hören. Rede, Herr, dein Diener hört. Das Reden bleibt also Gott überlassen. Auch im Evangelium gibt es diesen Hinweis des Erfahrenen: Seht, das Lamm Gottes! Die Jünger folgen dem Hinweis. Sie wenden sich von Johannes ab und wenden sich Jesus zu. Sie bleiben Suchende und Fragende: Wo wohnst du? Bei der Antwort Jesu spielt jetzt das Sehen die Hauptrolle: Kommt und seht! Es wird nicht berichtet, was sie gesehen haben. Aber am Ende steht die Überzeugung: Wir haben den Messias gefunden. Auch hier geht es also um eine Gotteserscheinung. Denn der Messias ist der Gesandte Gottes, die Erscheinungsform Gottes in der Welt. Die beiden Jünger kommen zur Überzeugung: in diesem Jesus ist Gott selbst erschienen. Und diese Überzeugung geben sie weiter. Gott erscheint. Aber sein Erscheinen ist äußerst unspektakulär. Er erscheint als Kind, als nächtliche Stimme, als Wanderprediger. Da gibt es keinen lauten Knall, da gibt es kein auffälliges Zeichen am Himmel. Nein, da muss man genau hinhören, da muss man genau hinsehen, um das Erscheinen Gottes überhaupt zu bemerken. Und meistens ist man auf den Hinweis angewiesen. Ich bin vollkommen überzeugt: Gott erscheint. Auch heute. Auch Ihnen, auch mir. Aber er erscheint im Unscheinbaren. Die große Frage ist: Können wir noch hören, können wir noch sehen? Oder ist uns längst Hören und Sehen vergangen, weil unsere Ohren verstopft sind von allzu lauter Musik, von ständiger Geräuschberieselung, vom sinnlosen Gequatsche aller möglichen und unmöglichen Menschen um uns herum und in den Medien. Sind unsere Augen blind geworden, weil sie schon zuviel gesehen haben und jeden Tag neu zu sehen bekommen, weil wir uns längst satt gesehen haben an all dem, was uns da angeboten wird. Die Frage ist nicht, ob Gott sich zeigt, ob er erscheint in unserer Welt. Das ist nicht die Frage, weil er ja ohnehin da ist. Die Frage ist, ob wir ihn sehen und hören wollen. Wenn wir das wollen, wenn wir Gott wirklich sehen und hören wollen, dann kommen wir um eines nicht herum: Wir müssen still werden. Nur wer still wird, kann hören, nicht nur das kleinste Geräusch, sondern auch die Stimme Gottes. Nur wer die Augen erst einmal schließt, dem gehen sie auf. Der sieht dann nicht mehr nur alle möglichen äußeren Bilder, sondern der blickt durch, der sieht dahinter. Ich weiß, es ist für uns heutige unheimlich schwer, aber es wäre einen Versuch wert: jeden Tag nur fünf Minuten still werden, absolut still. Es wird uns verändern. Es wird uns öffnen. Es wird uns helfen, in den kleinen Dingen unseres Lebens und hinter den kleinen Dingen unseres Lebens Gott zu begegnen: im Lächeln des Kindes, in der Umarmung des Partners, in der stummen Bitte des alten Menschen: Bleib noch ein wenig da! Gott will uns begegnen, in den kleinen Ereignissen unseres Alltags und auch jetzt in dieser Stunde. Kommt und seht! (Pfarrer Bernhard Simon) 

|